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Weltverbessern im Berufsleben?


#1

Ich gehe davon aus, dass die meisten, die in der nachhaltigen Branche arbeiten wollen, einen gewissen Idealismus eines “Weltverbesserers” haben. Wie sind die Erfahrungen im Berufsleben? Wird man enttäuscht, wenn man z.B. in Konzernen arbeitet die vielleicht mehr Greenwashing betreien als Nachhaltigkeit ernst zu nehmen? Sind Stiftungen, NGOs etc. “Changemaker-affiner”?

Wenn man nachhaltiges Verhalten durch seinen Job fördern möchte, macht es mehr Sinn, in einem nicht-nachhaltigen Unternehmen zu arbeiten und dafür zu kämpfen, dass sich die Dinge
zu mehr Nachhaltigkeit ändern, oder ist es einfacher, die nachhaltigen Unternehmen zu unterstützen, weiter zu Wachsen und damit das Ziel zu erreichen?

Ich würde mich über Erfahrungen von Menschen, die den Berufseinstieg in nachhaltige Jobs hinter sich haben, freuen :slight_smile:


#2

Hallo Swanhild!

Zwar kann ich (noch) nicht aus eigenen Berufserfahrungen im Nachhaltigkeitsbereich sprechen, deine Überlegungen jedoch sehr gut nachvollziehen, da ich mir schon oft ähnliche Gedanken gemacht habe.

Geht man mit einem gewissen Idealismus in den Job, ist es sicherlich herausfordernd, eine passende Stelle zu finden, die über die fachlichen/persönlichen Anforderungen hinaus auch mit den eigenen Prinzipien und Werten im Einklang ist. Andererseits kann eine (positiv ausgelebte) idealistische Grundhaltung für den Arbeitgeber ein enormes Potential sein, da die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass nicht nur stumpf “Dienst nach Vorschrift” abgearbeitet wird, sondern dass diese Personen für ihre Sache & ihre Arbeit brennen :boom:. Etwas Besseres kann einem als Unternehmen (oder einer Organisation/NGO) nicht passieren - Mitarbeiter, die mit vollen Herzen dabei sind und enorme Motivation, Begeisterungsfähigkeit und Kreativität entfalten. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass das Unternehmen bereit ist, den Mitarbeitern den Raum zu lassen, neue - vielleicht auch unkonventionelle - Wege zu gehen und es zulässt, dass so etwas wie persönliche Wertehaltungen und ethische Fragestellungen bei unternehmerischen Entscheidungen diskutiert werden.

Es lässt sich nicht bestreiten, dass Greenwashing ist in einigen Unternehmen ein problematisches Thema ist, wobei die Grenze zwischen “Greenwashing” (was ja im Grunde eine Marketing-Strategie ist) und “echter” unternehmerischer Nachhaltigkeit (die im Optimalfall im Unternehmensziel verankert und somit in der gesamten Organisationsstruktur implementiert ist) die Grenzen sicherlich nur schwer zu ziehen sind bzw. die Übergänge fließend sind. Meiner Meinung nach kann es diesbzgl. sehr hilfreich sein, sich vor der Bewerbung einmal den Nachhaltigkeitsbericht/CSR-Bericht der besagten Firma genauer anzuschauen bzw. zwischen den Zeilen zu lesen und die Aussagen zu hinterfragen - das gibt einen ziemlich guten Anhaltspunkt, wie mit dem Thema Nachhaltigkeit im Unternehmen wirklich umgegangen wird.

Das ist ja fast schon eine philosophische Frage :sunglasses: Aber eine absolut essentielle, was die berufliche Zukunftsplanung angeht.
Meiner ganz persönlichen Meinung nach (wobei ich mich sehr freuen würde, speziell diesen Punkt mit der Community weiter zu diskutieren, da es diesbzgl. mit Sicherheit auch ganz andere Meinungsbilder gibt!) hat man eine höhere Chance auf Erfolg, das zu unterstützen, was bereits nachhaltig ist. Einfach weil ich denke, dass es der beste Weg ist, die Veränderung, die man in der Welt erreichen möchte, selbst im Kleinen (und vielleicht, wenn alles gut läuft, irgendwann im größeren Maßstab) “vorzuleben”. Ich glaube, dass viele der Übel in der Welt in den meisten Fällen nicht Bosheit heraus entstehen, sondern aus einem Gefühl der Überfoderung und einer (scheinbaren) Alternativlosigkeit heraus. Wenn du dich selbst traust, neue Wege zu gehen, eröffnest du auch automatisch neue Handlungsspielräume für andere, die diesem frisch ausgetretenen Pfad folgen können und merken “Ach, es geht ja doch anders!”

Darüber hinaus stelle ich mir die Rolle des “Systemquerulanten” in einem “nicht-nachhaltigen” Unternehmen unglaublich kräftezehrend vor. Die meisten Menschen reagieren auf Veränderungen erst einmal mit Gegenwehr (was eine ganz menschliche Reaktion ist, die Sache jedoch erheblich erschwert) und auf den “moralischen Zeigefinger” sowieso (verständlicherweise). Selbst wenn man die Führungsetage auf seiner Seite hat (und das ist eine absolut essentielle Voraussetzung, um überhaupt Veränderungen im Unternehmen durchsetzen zu können), reagieren solche komplexen Systeme wie Unternehmen unglaublich träge auf Veränderungsanstöße, was bedeutet, dass Erfolge u.U. erst nach Jahren sichtbar werden. Damit möchte ich nicht sagen, dass dieses Vorhaben nicht machbar oder davon grundsätzlich abzuraten ist - es ist meiner Meinung nach jedoch die deutlich schwierigere Variante, die zusätzlich ein enorme mentale Belastbarkeit und Frustrationstolerenz erfordert. Andererseits können nachhaltige Veränderungen gerade in großen, etablierten und global tätigen Konzernen sehr große Auswirkungen (z.B auch im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit) und starken Vorbildcharakter haben, so dass es sich sicherlich lohnen würde.

Unter’m Strich denke ich, dass diese Entscheidung sehr von der eigenen Persönlichkeit abhängt, vor allem inwieweit man Widerstände aushalten kann, ohne sich von Ihnen unglücklich machen zu lassen und welche Fähigkeiten man hat, andere Menschen für etwas zu begeistern und sie auf den Weg mitzunehmen.


#3

Liebe Swanhild, eine spannende Frage! Als ehemalige Mitarbeiterin der CSR-Abteilung eines Konzerns kann ich dir gerne meine Einschätzung geben. Ich würde sagen, es kommt auf deine eigenen Wünsche in Bezug auf deine eigene Wirksamkeit an. Natürlich ist der Hebel in einem Konzern, auch mit eigener CSR-Abteilung und starken Werten “von oben” eher auf Langfristigkeit ausgelegt, was einen langen Atem und Geduld voraussetzt und die Bereitschaft, sich über “kleine Erfolge im Großen” zu freuen.

Wenn du eher der “Hands on” Typ bist, der im zügig etwas aus eigener Kraft bewegen will, das man auch “anfassen” kann, bist du in einem überschaubareren Umfeld richtig. Das liegt in der Natur der Sache: Je größer die Mühle, desto langsamer (aber vielleicht auf kraftvoller) mahlt sie. Ob es sich um Greenwashing handelt, findest du meistens schon vorab durch gründliche Recherche heraus - spätestens durch gezielte Fragen im Vorstellungsgespräch.

Schau’ also unbedingt zuerst bei dir selber, was dir wichtig ist, auch welche Art von Arbeitsumfeld und Tätigkeit (und Gehalt) du dir wünschst, dann wird es dir sicher auch leichter fallen herauszufinden, was für dich das Richtige ist. Eine allgemeingültige Aussage würde ich auf deine Frage nicht treffen wollen. Ich hoffe, das hilft dir etwas weiter…


#4

Hallo,
spannend!

Mir fällt das leichter, seit ich im Social Impact-Bereich arbeite: ein gutes Ziel, das die gesamte Organisation verfolgt und gute Messbarkeitskriterien. Da kann ich mich selbst gut einbringen.

Frustriert haben mich weniger die Einblicke in Unternehmens-CSR, sondern die in Bereichen, wo “moralisch gut” gearbeitet wird (z.B. Entwicklungs- oder Umweltpolitik), das Engagement des Einzelnen aber gerne durch seltsame Regeln/ Formalismen/ unangemessene Bezahlung ausgebremst wird.

Mir geht es aber eher darum, das einzubringen, was ich kann (also: persönlicher Idealismus mit Ideen und daraus gestalten), als sofort den großen Wurf zu stricken.

Viele Grüße!


#5

Hallo Swanhild,
dein Ansatz finde ich sehr interessant! Dieser Ansatz wird auch im Beruf des ´Responsible Designers´ aufgegriffen. Der ´Responsible Designer´ ist eine 2-jahres Ausbildung und wird stark von Unternehmen gesucht, die bisher noch nicht zur Grünen Marke gekommen sind, dort aber hinkommen wollen. Nachhaltigkeit ist die Zukunft und das wissen die Unternehmen mitlerweile auch. Mit dem Speziell entwickeltem Programm WING wird das Unternehmen unter die Lupe genommen und durch Beratung Grüner gestaltet. Sehr erstrebenswert. Die Ausbildung wird erstmals in Deutschland angeboten von der Green Brand Academy in Hamburg.
Da dieser Beruf neu ist, würde ich alle um Mithilfe bitten, diese Innovation zu verbreiten :slight_smile:
Ich freue mich auf Fragen und Anregungen.
Liebe Grüße Tanja


#6

Hallo @glitzerkugel!

Deine Aussage finde ich sehr spannend:

Rein intuitiv würde man ja gerade im Umfeld der Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit die Möglichkeit erwarten, Idealismus und Engagement gut ausleben zu können und sinnvolle Ideen zu realisieren. Aber da hast du natürlich Recht, viele gesetzliche Regularien und Vorschriften können auch eine große Einschränkung bedeuten, die nur sehr schwer “aus dem Weg zu räumen” sind und nicht durch Überzeugungsarbeit umgangen werden können.

Welche Erfahrungen genau hast du im (unternehmerischen) CSR-Bereich bereits machen können? Hast du den Eindruck gewonnen, dass hier Idealismus willkommen ist und echter Gestaltungswille seitens der Unternehmen besteht? Natürlich trifft “Greenwashing” nicht auf alle Unternehmen zu, ist jedoch sicherlich ein Thema, mit dem man sich beschäftigen sollte, bevor man eine Tätigkeit in der Wirtschaft aufnimmt, um beidseitige Frustration zu vermeiden.


#7

Hallo,

ich habe mal eine öffentliche Reihe organisiert, wo unterschiedliche Unternehmen darüber berichteten, was sie nachhaltiges tun und in der Diskussion mit dem Publikum konnte dann darüber diskutiert werden, ob es eher Greenwashing oder echte Überzeugung ist. Mein Fazit nach der Reihe war, dass genau ein Mitarbeiter ausreichen kann, um den Unterschied im Unternehmen zu machen. Und hierbei war es egal, ob es von der Führungsebene kam oder vom Angestellten. Ein fantastischer Unternehmer hatte Bäume in seiner Produktionshalle und beschäftigte Gärtner. Seine Überlegung war: wenn es den Bäumen gut geht, geht es auch den Mitarbeitern gut. Er hat natürlich noch einiges anderes gemacht. Überzeugend war, dass er eine unglaublich geringe Mitarbeiterfluktuation hatte. Was man bei seiner Unternehmenspräsentation vergeblich suchte, war jedoch ein Nachhaltigkeitsbericht. Für ihn war es schlichtweg selbstverständlich sich um seine Mitarbeiter zu kümmern und auch auf den ökologischen Abdruck zu achten, den seine Produkte hinterlassen. Bei einer anderen Firma hat ein Produktdesigner die Geschäftsleitung überzeugt, dass die Materialien nachhaltig gewonnen werden müssen. Hierzu haben Sie keine zertifizierten Güter eingekauft, sondern Kooperationen vor Ort aufgebaut, eine Krankenversicherung für die Bauern etabliert, feste Abnahmestrukturen zu fairen Preisen verhandelt und Bildung für die Kinder ermöglicht.
Im Endeffekt muss jede/r selbst entscheiden, wieviel Kraft und Überzeugung man sich für sein Tun zutraut. Es ist eine Möglichkeit in einem nachhaltigem Unternehmen anzufangen zu arbeiten, jedoch finde ich es bemerkenswerter, wenn man versucht ein klassisches Unternehmen von innen heraus zu wandeln und hierfür bei seinem eigenem Arbeitsplatz anfängt zu schauen, was man besser machen kann. Erfahrungsgemäß ist das dann auch ansteckend und ein Vorleben auch wesentlich effektiver als den moralischen Zeigefinger zu erheben.


#8

Hallo @SteffiPionierarbeit,

das klingt total spannend und inspirierend! Findet diese Vortragsreihe öfter statt oder war das ein einmaliges Event? Und wo fand es statt? Ich finde, es braucht viiiel mehr solcher mutmachender Veranstaltungen, die zeigen, dass man auch als Einzelne® die Möglichkeit, das eigene Umfeld positiv zu gestalten und eine Veränderung anstoßen kann :slight_smile:
Auf der anderen Seite ist auch für die referierenden Unternehmen eine gute Gelegenheit, Rückmeldung zu ihren Bemühungen zu bekommen und den Unterschied zwischen “Greenwashing” und sozial-ökologisch sinnvoller Nachhaltigkeit zu reflektieren.

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, eine ähnliche Vortragsreihe an meiner Hochschule stattfinden zu lassen - vielleicht können wir uns diesbzgl. mal austauschen? Würde mich total freuen :grin:

Da fällt mir zu dem Thema gerade etwas ein: Ein sehr interessanter Ansatz sind meiner Meinung auch die sog. “FuckUp Nights”, auch wenn diese in eine etwas andere Richtung gehen. Dabei stellen Menschen ihre persönlichen “Geschichten des Scheiterns” vor und vor allem auch, was sie daraus gelernt haben. Das kann z.B. eine über-ambitionierte Unternehmensgründung gewesen sein, die völlig in die Hose gegangen oder sonstige berufliche Misserfolge.
Gerade bei uns Deutschland scheint es so, dass es an einer konstruktiven “Fehlerkultur” noch ziemlich mangelt… Lebenslauf-Lücken, Fehlentscheidungen, Umwege oder Rückschläge sind eher Tabuthenen und werden lieber verschwiegen statt darüber zu diskutieren, es werden nur die Erfolge hervorgehoben. Dadurch verstärkt sich der Druck auf den Einzelnen, da man den Eindruck gewinnt, dass es bei “den anderen” ja nur glatt läuft und man selbst der/die Einzige mit Misserfolgen ist.
Genau da wollen die FuckUp Nights ansetzen - denn das (Berufs-)Leben ist nunmal nicht immer perfekt linear und fast jeder trifft mal Entscheidungen, die sich dann als nicht optimal herausstellten.
Aber feststeht, dass es Fehler immer die Chance auf einen Lern- und Entwicklungsprozess darstellen und oftmals führen Ereignisse, die kurzfristig gesehen als “schlecht” empfunden werden, auf lange Sicht doch zu etwas Positivem.
Die Bewegung hat meines Wissens nach ihren Ursprung in Mexico, es finden mittlerweile aber auch in einigen deutschen Städten solche Events statt :slight_smile:


#9

Genau diesen Gedanken hatte ich vor einigen Monaten, weil ich überlegt hatte zu einem nachhaltigen Job zu wechseln. Deshalb freue ich mich, dass du es hier aufgreifst! Seit 2003 arbeite ich im Büro als Buchhalter. Während diesem ganzen Zeitraum habe ich immer mehr dafür gesorgt, dass beispielsweise weniger Papier unnötig gedruckt wird und meinen Kolleginnen einige Alternativen aufgezeigt, die mittlerweile umgesetzt wurden. Daher bin ich eher der Meinung, dass ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber bleibe und mit meinem nachhaltigen Verhalten den ein oder anderen motiviere. Neben meinem Beruf engagiere ich mich in meiner Freizeit für nachhaltige Projekte, die nur ehrenamtlich verwirklicht werden können. Wir organisieren regelmäßige Treffen, bei denen ich jeweils einen Vortrag über yunity und foodsharing halte und somit mehr Menschen dafür begeistere sich bei unseren ehrenamtlichen Projekten zu beteiligen.