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Nachhaltige Arbeitgeber brauchen mehr als Idealisten


#1

Zugegeben, etwas provokativ formuliert :wink: Meine Beobachtung als Bewerbungscoach ist, dass viele Bewerber im nachhaltigen Sektor ihr Motivationsschreiben stark auf ihre eigene Leidenschaft aufbauen und ehrlich verletzt sind, wenn sie eine Absage bekommen. Aus idealistischer Sicht ist das auch durchaus verstĂ€ndlich, denn immerhin steht man 120%ig hinter dem Unternehmensziel und wĂŒrde mit ganzer Kraft dazu beitragen, es zu erreichen.

Idealismus reicht aber oft nicht aus. Besonders im nachhaltigen Sektor, wo die Budgets meistens knapper bemessen sind, braucht es passgenaue Mitarbeiter und keine Fans. Gesucht werden also Leute, die auf den Punkt das mitbringen, was ganz konkret fĂŒr die BewĂ€ltigung der ausgeschriebenen Aufgabe benötigt wird. Im Vordergrund sollte also neben der Darstellung der eigenen Motivation die klare Positionierung des eigenen Mehrwertes sein. Keine leichte Aufgabe, aber schaffbar, wenn man sich in die Lage des EmpfĂ€ngers versetzt, der vermutlich schon viele Bewerbungen von Weltrettern in den HĂ€nden hielt, die einer genauen ÜberprĂŒfung aber nicht standhielten.

Was meint ihr?


#2

Vielen Dank fĂŒr Ihre Beobachtung, das ist ein interessanter und sehr wichtiger Aspekt. Allerdings klingt fĂŒr mich da direkt ein anderes Problem an. Sie sprechen von dem knappen Budget und den damit verbundenen hohen Erwartungen an Mitarbeiter. Das scheint mir gerade fĂŒr BerufsanfĂ€nger (zu denen ich mich auch zĂ€hle) ein ziemliches Problem, weil man ja irgendwo Arbeitserfahrung sammeln muss und nicht jahrelang Praktika machen kann um alles (oder das meiste) mitzubringen was gewĂŒnscht ist.
Wie sehen Sie das als Bewerbungscoach, ist diese Wahrnehmung richtig?


#3

Hallo zusammen,

ich denke schon, dass man sogar ganz klar seinen Mehrwert herausstellen muss, dass dies aber bei BerufsanfÀngern schwierig ist. Aber auch die haben aktuelles Wissen und wahrscheinlich auch gewissen Erfahrungen in Praktika gemacht. Zur Not muss man dann einen Job machen, der eben nicht hundertpro passt.
Möglicherweise geben aber auch AG jemandem eine Chance, der motiviert ist und der im LL gezeigt hat, dass er sich schnell einarbeitet, eine gewisse kognitive LeistungsfĂ€higkeit besitzt
usw. Das sind Voraussetzungen fĂŒr jeden Job und die kann man auch im Anschreiben belegen.

Wohin willst du denn Patricia?

LG


#4

Idealismus gepaart mit umfangreicher Expertise (div. Branchen, Ausland, eigenes Unternehmen, FĂŒhrungsverantwortung etc.) scheint aber auch nicht der SchlĂŒssel zum Tor nachhaltiger Unternehmen zu sein - schon gar nicht, wenn es Startups sind! Denn bei berufserfahrenen Bewerbern kommt ein Aspekt hinzu, der - so profan es auch klingen mag - ein garantierter Killer ist: das logischerweise höhere Alter


Das Durchschnittsalter von Belegschaften in nachhaltigen Unternehmen ist meiner Erfahrung nach selten ĂŒber 35. Es wird natĂŒrlich nie ausgesprochen, aber sowohl Personaler als auch Bewerber bekommen in einem solchen Umfeld schnell das GefĂŒhl, dass man irgendwie nicht “passt”, wenn man eben nicht mehr so jung ist und auch keine Absicht hat, sich genauso hip und cool zu geben, wie der Rest


Es gibt wertvolle Kompetenz im Altersbereich 50+, und nachhaltige Unternehmen könnten extrem davon profitieren - wenn die Unternehmenskultur ein wenig mehr auf Vielfalt ausgerichtet wĂ€re



#5

Hallo,

da hab ich ja was angestoßen - ich wollte jetzt nicht das Thema wechseln, angefangen hat es ja mit dem sehr guten Rat, seinen Mehrwert deutlich herauszustellen.

Da kam vielleicht auch ein bisschen mein Frust durch, ob der teils hohen Anforderungen/gewĂŒnschten Arbeitserfahrung, die BerufsanfĂ€nger einfach oft nicht haben.
Was mich interessieren wĂŒrde wĂ€re, ob das nur meine Wahrnehmung ist oder ob das tatsĂ€chlich im nachhaltigen Sektor stĂ€rker ist als in der Arbeitswelt generell. :wink: Oder ob die Probleme ganz woanders liegen (Konkurrenz o.Ă€.).

Ich bin relativ offen was meinen Bereich angeht, wichtig ist mir der Fokus auf Nachhaltigkeit/sozialer Gerechtigkeit u.Ă€. weil ich da vom Studium her Wissen mitbringe und aus diversen Praktika Erfahrungen im Bereich Projektarbeit/Veranstaltungsplanung/Redaktionelles. Hundertpro passen muss es natĂŒrlich nicht, aber ich möchte mich einbringen können mit dem was ich kann und weiß und irgendwie einigermaßen dahinterstehen können was das Unternehmen macht.

Viele GrĂŒĂŸe


#6

Da ist was dran, gerade bei Start-ups scheint oft eine ganz spezielle Altersgruppe gewĂŒnscht zu sein. Eigentlich schade, eine Mischung von Erfahrung und ‘jungen’ Ideen könnte sicher sehr produktiv sein.


#7

Ich stimme Cathrin in der Hinsicht zu, dass es im Rahmen einer Bewerbung wichtig ist, auch Fachkenntnisse und konkrete praktische Erfahrungen zu kommunizieren und zu schauen, inwieweit diese fĂŒr die Stelle relevant sind. Denn eine Stelle anzunehmen, die vom Kompetenzspektrum her ĂŒberhaupt nicht passt, wird ja nicht nur aus Arbeitgebersicht, sondern genauso fĂŒr mich als Mitarbeiter (!) höchstwahrscheinlich mit einer hohen Frustration einhergehen. Optimalerweise möchte ich mich zwar gefordert, aber nicht ĂŒberfordert fĂŒhlen und meine Kenntnisse anwenden können.

Aber ich bin dennoch der Meinung, dass man mit Motivation und Begeisterung fĂŒr die TĂ€tigkeit in der Lage ist, “LĂŒcken” bzgl. der Fachkenntnisse zu schließen. NatĂŒrlich hat dies seine Grenzen - als Informatik-Laie werde ich vermutlich nicht plötzlich eine super-komplexe Software programmieren können, dafĂŒr braucht es sicher wirklich einen Informatiker - aber es ist meiner Meinung nach durchaus möglich, in eine TĂ€tigkeit “hineinzuwachsen”. Und bringe ich als Mitarbeiter eine Portion Idealismus mit, bin ich auch gerne bereit, etwas dazuzulernen und meine FĂ€higkeiten zu erweitern.
Ich denke, das “Gesamtpaket” aus fachlicher Basis und Begeisterung/Idealismus/Motivation (wie auch immer man das nennen möchte) muss einfach stimmen und fĂŒr beide Seiten passen,

Cathrin hatte noch einen weiteren wichtige Aspekt genannt - auch wenn Absagen natĂŒrlichweise sehr frustrierend sind, so ist demgegenĂŒber meiner Meinung nach das EinĂŒben einer differenzierten Haltung fĂŒr das eigene Wohlbefinden und den eigenen Selbstwert ganz wichtig (dass das nicht von heut auf morgen klappt, ist ganz selbstverstĂ€ndlich). Eine Absage bedeutet nie, dass man als Person/Mensch abgelehnt wurde, sondern dass es einfach nicht gepasst hat. Manchmal kann man die GrĂŒnde nachvollziehen, manchmal nicht, Wertet man eine Absage nicht als persönliche Veletzung, so kann man im Optimalfall aus dem Feedback etwas mitnehmen und vielleicht erkennen, wo fĂŒr den Traumjob z.B. noch eine Fortbildung hilfreich wĂ€re oder an welcher Stelle man StĂ€rken deutlicher hervorheben kann/sollte.

Die HĂŒrde der Berufserfahrung ist fĂŒr Absolventen sicherlich ein schwieriges Thema
 “einen Fuß in die TĂŒr” zur Arbeitswelt zu kriegen ist nicht so leicht, wenn man noch nicht so viele praktische Erfahrungen gemacht hat.

Cathrin, hast du als Bewerbungscoach einen Tipp, wie man diese HĂŒrde leichter ĂŒberwinden kann? Das wĂŒrde mich auch sehr interessieren :slight_smile:


#8

Mehrwert muss nicht immer viel Berufserfahrung bedeuten. Bereits geleistete Praktika, Gelerntes aus dem Studium, vielleicht sogar private Erfahrungen (Ehrenamt, Familienarbeit, Sport, Arbeit im Verein etc.) gehören auch dazu. Allerdings ist es wichtig, die relevante Erfahrung, bzw. das relevante Wissen in den Fokus zu rĂŒcken und sich so speziell fĂŒr die Aufgabe zu prĂ€sentieren. Ich beobachte oft, dass sich Bewerber als Generalisten prĂ€sentieren, nach dem Motto: Suchen Sie sich etwas aus, ich bin breit aufgestellt. So verwĂ€ssert aber die Eignung fĂŒr eben diese Position. Das kann unter anderem auch bedeuten, dass es besser ist, Irrelevantes wegzulassen, was gar nichts mit der Stelle zu tun hat, auf die man sich bewirbt.


#9

Liebe Charlotte, in die Richtung deiner Frage geht auch schon meine Antwort an Patricia. Besonders das “offen sein” in verschiedene Richtungen ist manchmal gerade das Schwierige. Als BerufsanfĂ€nger traut man sich einerseits nicht, sich auf eine Sache zu versteifen, weil man sich nicht zu große Chancen ausrechnet oder auch Angst hat, enttĂ€uscht zu werden. ErfahrungsgemĂ€ĂŸ ist es allerdings ganz hilfreich, so etwas wie einen “Wunschbereich” oder auch in gewissermaßen ein recht konkretes Ziel zu haben, um dieses auch angehen zu können mit gezielten AktivitĂ€ten. Im ersten Moment hat man dann zwar die Sorge, dass einem Chancen entgehen. Man merkt aber schnell, dass sich plötzlich Möglichkeiten und Chancen wie ZufĂ€lle ergeben, wenn man die Zieladresse ins eigene Navigationssystem eingegeben hat, sozusagen :wink:


#10

Vielen Dank fĂŒr Ihre Antwort, das ist ein wertvoller Hinweis, werde meine Bewerbungen diesbezĂŒglich in Zukunft ‘prĂŒfen’. :slight_smile:


#11

Vielen Dank fĂŒr Ihre Hinweise. Ich bin ebenso wie Sie der Ansicht, dass man in jedem beruflichen Sektor, also auch dem nachhaltigen Bereich, ProfessionalitĂ€t benötigt um die Aufgabenstellungen zu bewĂ€ltigen. Sie schreiben, die BewerberInnen sollten sich passgenau beschreiben.
Ich kann einige BewerberInnen beobachten, die nach einer Zweitstelle suchen - es geht also mehreren wie mir. Nun, im herkömmlichen Berufssektor ist mir leider vielfach passiert, dass eben nicht genau gelesen wurde, was ich zu bieten habe. Vielfach wurde versucht, Zeitlimits zu ĂŒberschreiten, und fast immer kamen danach Abwerbungsversuche. Gerade das wird aber oft nicht benötigt, wenn man nur ein wenig KapazitĂ€t ĂŒbrig hat, auch wenn es natĂŒrlich irgendwie schmeichelhaft scheint.
Daher möchte ich auch die ArbeitgeberInnen bitten, unsere Profile zu lesen, Talente zu entdecken und fördern, und sich zu ĂŒberlegen ob es nicht doch auch seine VorzĂŒge haben kann, denjenigen die sich einarbeiten mĂŒssen, eine Chance zu geben, es sind ja verlĂ€ssliche Dauer-KrĂ€fte (Alter 43 Jahre) und motivierte StundentInnen dabei.