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Auswege aus der Perspektivlosigkeit


#1

Liebes Forum,

was macht man, wenn man auf seinem beruflichen Weg einige Fehlentscheidungen getroffen hat – oder anders: zu wenige Entscheidungen getroffen hat – und jetzt neu durchstarten, endlich ankommen möchte? Verzeiht einem die Arbeitswelt grobe Fehler in der beruflichen Laufbahnplanung?

Ich habe vor 2,5 Jahren mein Studium der Medien & Kommunikation abgeschlossen (Abschluss: Bachelor of Arts) und war damals unendlich froh endlich die Uni verlassen zu können. Seitdem habe ich allerdings nicht den Sprung in die Arbeitswelt geschafft. Meine einzige berufliche Praxis in der Medienbranche seitdem war ein kurzes Grafik-Praktikum in einer Zeitungsredaktion, das mir nur insofern geholfen hat als dass ich heute weiß, dass ich niemals in einer Zeitungsredaktion arbeiten möchte.

Ich wusste nach dem Studium nicht, was ich überhaupt machen möchte. Ich war auch noch sehr jung, studiert habe ich direkt nach dem Abitur und zum Zeitpunkt meiner Einschreibung war ich noch nicht einmal volljährig. Erst durch ehrenamtliches Engagement in mehreren Organisationen konnte ich herausfinden, was mir Spaß machen würde.

Nämlich würde ich sehr gerne in Richtung Öffentlichkeitsarbeit/PR gehen, natürlich bevorzugt bei einer NGO oder in einem Unternehmen/Verlag mit nachhaltigem Selbstverständnis. Nachhaltige Ernährung, Umweltschutz und Naturkosmetik sind Themenfelder, für die ich mich privat sehr begeistern kann. Ehrenamtlich habe ich Flyer gestaltet und Events mitorganisiert bzw. dabei geholfen die ein oder andere Sache bekannter zu machen. Das hat mir superviel Spaß gemacht und diese Abwechslung wünsche ich mir im Berufsleben.

Leider fühle ich mich fürs Berufsleben in keinster Weise qualifiziert. Mein Studium war… ein Universitätsstudium eben. Mit ganz viel Forschen und wenig berufsrelevanter Praxis. Marketing- und PR-Werkzeuge oder relevante Software wie Adobe CC habe ich im Studium überhaupt nicht kennengelernt. Würde mich jemand für die PR bzw. das Marketing in einem Unternehmen einstellen, ich müsste mir erstmal so aneignen, welche Marketingmaßnahmen es gibt und wie man sie umsetzt. Natürlich habe ich im Studium und meinen Praktika hier und da mal so etwas gemacht und eben auch ehrenamtlich, aber so RICHTIG fundiertes Wissen habe ich nicht.

Beim Gedanken an Grafikgestaltung und Design schlägt mein Herz höher. Ich betätige mich gerne kreativ und am liebsten würde ich das eben im Beruf einsetzen und mit Öffentlichkeitsarbeit verbinden können.

Es gibt zwei Wege zum Erreichen meiner beruflichen Ziele, die ich mir momentan vorstellen kann:

  1. Ein Volontariat im Bereich PR/Öffentlichkeitsarbeit
  2. Ein Fernstudium im Bereich Grafikdesign mit Einbezug von Marketing-/PR-Grundlagen oder Themenfeldern wie Social Media

Ersteres ist leider gar nicht so leicht zu finden, schon gar nicht in der Region, in der ich momentan wohne. Das Angebot in Jobbörsen jetzt aktuell ist frustrierend gering. Die ein oder andere Bewerbungsfrist habe ich auch versäumt, weil ich eine Anzeige zu spät entdeckt habe… Auch das ist frustrierend.

Zweiteres ist natürlich kostspielig. Ein Fernstudium reizt mich aufgrund seiner Flexibilität und Orts-/Zeitunabhängigkeit. Da ich schon einen Bachelor of Arts habe, war mein Gedanke, dass es ja gar nicht unbedingt ein Studium mit akademischem Abschluss sein müsste. Wäre ein Zertifikat in Verbindung mit meinem Bachelor-Abschluss ausreichend? Macht das nicht sogar mehr Sinn als ein zweiter Bachelor in derselben Fachrichtung? Zumal die Zertifikatsstudiengänge, die mich ansprechen, eben auch einfach nicht so theoretisch sind wie Bachelorstudiengänge oft, sondern man lernt und wächst an praktischen Aufgaben und konkreten Projekten.

Ich könnte noch sehr viel mehr meiner Gedanken zum Fernstudium hier teilen, aber ich möchte den Beitrag nicht in einen Roman ausarten lassen. Vielmehr erhoffe ich mir damit ein paar Meinungen zu meiner Situation einfangen zu können. :slight_smile: Vielleicht hat jemand einen Tipp? Jemand mit Erfahrungen in der Berufswelt etc. … Vielleicht sogar mit konkreten Erfahrungen zum Thema Fernstudium.

Im Moment fühle ich mich ganz einfach ein wenig verloren und weiß nicht so recht, welchen Weg ich einschlagen soll. Ich bin an sich motiviert, will was für die gute Sache tun, auf einen Job mit Sinn hinarbeiten, Neues lernen und meinen verkorksten Werdegang hinter mir lassen. Aber wie?

Freue mich auf jegliche Anregungen und Gedanken zu meiner Situation. :slight_smile: Wenn du dir tatsächlich die Zeit genommen hast meinen Beitrag durchzulesen, dann danke schon allein dafür.

P.S.: Ich merke immer mehr, wie wichtig es mir ist einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Übergangsweise arbeite ich momentan berufsfeldfremd im Einzelhandel. Der Kontakt zu Kunden macht mir großen Spaß, ich merke auch, dass ich viel kommunikativer, selbstbewusster und serviceorientierter bin als ich früher gedacht hätte. Ich könnte mir z. B. sehr gut ein Fernstudium in Verbindung mit einem Teilzeitjob in einem Bio-Café oder Ähnlichem vorstellen. Man muss halt irgendwie davon leben können. Die Umgebung, in der ich jetzt arbeite, ist jedenfalls nicht sehr nachhaltig und das macht mir persönlich schon schwer zu schaffen. Das kann ich kaum mit meinem Gewissen vereinbaren.


#2

Hi Theadoro,

ich war nach meinem Studium in einer ähnlichen Situation und möchte dir ein paar Tipps geben.

1.) Es ist völlig normal, dass man sich nach dem Studium und ohne Berufserfahrung sehr oft bewerben muss. 50 und mehr Bewerbungen in 6 Monaten sind KEINE Seltenheit. Ich würde mich nicht von den Ausschreibungen und den Anforderungen in diesen abschrecken lassen. Da wird immer aufgezählt, was die PERFEKTE Person alles erfüllen muss. Die “perfekte” Person gibt es aber nicht und das ist auch dem Arbeitgeber klar. Oft werden (das kann ich jetzt sagen, wo ich schon ein paar mal auf der anderen Seite des Tischs gesessen habe) auch Leute eingeladen, die auf dem Papier nicht so richtig passen, aber interessant klingen (z.B. durch Dinge, die sie nebenher gemacht haben usw.). Also, lass dich zunächst mal nicht entmutigen und hau’ raus, was du kannst. Sammle Erfahrungen in Bewerbungsgesprächen, auch wenn du dort nicht arbeiten möchtest / man dich im Endeffekt nicht nimmt. Wenn man zu einem Gespräch eingeladen wird, ist das schon mal ein Erfolg! Im Gespräch selber hängt SEHR viel von persönlicher Sympathie ab…

2.) In deiner jetzigen Situation würde ich dir den Tipp geben, dass du dich gezielt auf Trainee-Stellen bewirbst, die in einer anderen Region / Stadt sind. Ja, das ist nicht so geil, wenn man sein Umfeld wechseln muss und vorübergehend in einer andere Stadt zieht. Das scheint mir in deinem Fall aber die beste Möglichkeit. Warum? Wenn ich mich z.B. in Berlin nach Stellen übersehe, gibt es gerade SEHR VIELE Stellen in dem Bereich, in dem du gerade arbeiten möchtest (check mal die großen Umweltorganisationen Nabu, WWF, BUND, Oxfam und die Stiftungen Boell usw.). Die suchen eigentlich gerade händeringend um Leute im Öffentlichkeitsarbeitsbereich. VIELE von denen bieten auch immer wieder Trainee-Stellen an. DA musst du hin bzw. da musst du dich drauf bewerben. Du hast wahrscheinlich die Basis, brauchst aber Erfahrung. Trainee-Stellen sind da perfekt.
Lass dich nicht von einem Umzug abschrecken. Eine Trainee-Stelle ist ca. 1,5 Jahre, wird einigermaßen gut bezahlt (vielleicht so ca. 1000 - 1500 €). Damit kann man in Berlin 2 Jahre lang (über-)leben. Danach wird es viel leichter einen Job zu finden, weil du Erfahrung hast…

Das sind meine Tipps. Ach so, und 3.) Nimm dir mal 250 € und lass deine Bewerbung von einem Profi überarbeiten. Die Bewerbung und die Formulierungen müssen stimmen. Profi Personalberater kennen die “Codes” genau und wissen, wie man was schreiben muss. Das Geld ist also gut investiert.

Beste Grüße,
J


#3

@JoJohannes: Ich danke dir für deine Hilfe. Deine Worte waren sehr motivierend für mich. Tatsächlich habe ich auch beschlossen, dass ein Umzug nach X nur eine gute Erfahrung sein kann und kein Umzug für die Ewigkeit sein muss. Deshalb mache ich im Moment genau das, was du mir rätst. Der Nabu z. B. sucht tatsächlich gerade jemanden und ansonsten werde ich auch einige Initiativbewerbungen versenden.

Nach dem, was ich online so lese, ist es ja nichts Ungewöhnliches gelegentlich in ein Bewerbungstief zu fallen. Manche Experten sprechen sogar von einer Gefahr der Bewerbungsdepression. Das ist ein Umstand, der auch mich belastet, aber es gibt da so einen Spruch: “One day or day one: It’s your choice.” Ich versuche – jetzt wieder – jeden Tag als einen neuen Tag der Chancen zu sehen und werde deinen Rat definitiv befolgen.


#4

Hallo Theadoro,

den Worten vo JoJohannes kann ich mich nur anschließen - auch aus eigener Erfahrung & in meinem unmittelbaren Umfeld weiß ich, dass sehr viele Absolventinnen nach dem Studium erst einmal in ein “Loch” fallen und sich mit dem Gefühl der Perspektivlosigkeit auseinandersetzen.
Kein Wunder, denn wie du bereits geschrieben hast, ist es keine Seltenheit, dass die Universitäten ihre Studierenden in keiner Weise auf diese schwierige Übergangsphase vorbereiten. Es gibt zwar universitäre Beratungsstellen, an die man sich wenden kann, aber was eigentlich fehlt, ist das Aufzeigen konkreter Berufsfelder und die entsprechende Ausrichtung der vermittelten praktischen Kompetenzen. Während meines naturwissenschaftlichen Studiums wurden wir für genau eine einzige Laufbahn gedrillt - für die akademische. Dass aber der mit Abstand überwiegende Anteil der Absolvent
innen einen Platz in der freien Wirtschaft finden muss, wird völlig ignoriert und dementsprechend wissen die meisten selbst am Ende ihres Studium noch nicht, welche anderen Berufsfelder Ihnen überhaupt offen stehen und fühlen sich dementsprechend völlig überfordert. Du bist mit deinem Gefühl also absolut nicht alleine :slight_smile:

Einen aufbauenden Master mittels Fernstudium zu machen, ist bestimmt keine schlechte Idee, wenn man die Fähigkeit besitzt, sich konstant ohne externen Druck selbst zu motivieren. Vorteil ist natürlich, dass die meisten Fernunis auch ein Teilzeitstudium anbieten und du dies dementsprechend gut mit einer parallelen Berufstätigkeit verbinden könntest.

Eine weitere Möglichkeit wäre vielleicht ein “klassisches” Präsenz-Studium (Master) an einer Fachhochschule. Diese sind meist weitaus praktischer orientiert als die Unis und die meisten Dozentinnen haben bereits Erfahrungen in der freien Wirtschaft gesammelt, so dass die Lehre auch viel stärker auf die spätere berufliche Tätigkeit ausgerichtet ist. Außerdem ist der persönliche Austausch mit den Dozentinnen und den Kommiliton*innen unglaublich hilfreich und viele FH-Studiengänge beinhalten Projektmodule mit Industrie-Kooperationen, in denen man schon wertvolle Kontakte knüpfen kann.

Was ich dir definitiv raten würde, ist die Aneignung relevanter “Hard Skills”, sprich die Kenntnisse in den von dir genannten Software-Tools. Finde es wirklich unglaublich, dass solch essentielle Kompetenzen in deinem Studium nicht vermittelt wurden :open_mouth: Aber ist ja kein Problem, das lässt sich mit entsprechenden Kursen ja einfach nachholen. Hier würde ich das Jobcenter mal ansprechen - ich kann mir sehr gut vorstellen, dass du für eine solche Weiterbildung finanzielle Unterstützung erhalten würdest!

“Nimm dir mal 250 € und lass deine Bewerbung von einem Profi überarbeiten. Die Bewerbung und die Formulierungen müssen stimmen. Profi Personalberater kennen die “Codes” genau und wissen, wie man was schreiben muss. Das Geld ist also gut investiert.”

Jup, das halte ich auch für gut investierters Geld! Eine professionelle Bewerbung ist dein Aushängeschild für den Erstkontakt mit einem Unternehmen und das A und O, um überhaupt erst eimal eingeladen zu werden. Auch diesbzgl. würde ich mal mit dem Jobcenter bzgl. Unterstützung sprechen, Eine erste (kostenlose) Anlaufstelle für Bewerbungsmappenchecks bietet z.B. auch der Career Service deiner Uni.

Lass dich nicht entmutigen - sich mal überfordert zu fühlen, ist völlig normal, aber du hast ganz viele Optionen und Möglichkeiten, dir Unterstützung zu holen! Dass du bereits für dich herausgefunden hast, wo deine Stärken liegen und was dir Spaß macht, ist schonmal ein ganz wichtiger Erfolg und bietet die Orientierungshilfe für deine nächsten Schritte :slight_smile:

Einen lieben Gruß,
Charlotte


#5

Eure Beiträge haben mir sehr weitergeholfen. Ich kann gar nicht genug danken dafür, dass jemand sich mein Geschreibsel durchliest. :slight_smile:

Dass ich meinen Bewerbungsradius erweitert habe, hat sich direkt ausgezahlt: Ich hatte ein Gespräch in München für eine Stelle als PR-Trainee. In anderen Foren erntet man für so etwas meist Aussagen wie “Nicht noch ein PR-Mensch”, “Sowas braucht die Welt…”. Da es sich um eine Agentur handelt, die Öko-Pionier ist, bin ich persönlich überzeugt: Für solche positiven Arbeitgeber und für nachhaltige Marken kann es nicht genug PR geben. Hauptsache, nachhaltige Ideen werden bekannter. :slight_smile:

Jedenfalls werden mir nun 1.800 € brutto Gehalt angeboten (falls ich die Stelle bekomme), leider habe ich Angst damit in München nicht besonders weit zu kommen. Vielleicht gibt es hier jemanden, der Einschätzungen zu Trainee-Gehältern abgeben kann?


#6

Hi Theadoro,
ich kann Dir keine derart qualifizierte Antwort geben - ich bin ja auch nur auf der Suche und recht desillusioniert.

Ich finde es schon mal gut, dass Du einen BA hast.
Ich habe z.B. keinen Studienabschluss und so bleiben mir so gut wie alle Jobs, die mich interessieren, verschlossen. In Deutschland schauen sie eben nach den Papieren und Abschlüssen.
Also, mach’ was draus!

Mein erster Gedanke, als ich Deinen ersten Eintrag gelesen hatte, war in der Tat:
An der Region soll es nicht scheitern. Besonders wenn man jünger ist, ist ein Umzug ziemlich unproblematisch… Du hast noch keinen so großen Haushalt, keine Kinder.
Wenn Du an Deiner Heimat hängst, dann kannst Du auch wieder zurück kommen.
Aber ein Ortswechsel ist in jedem Fall spannend und lehrreich. Mach’ das, wenn Du in Deiner Ecke zu wenig Chancen siehst.

Nun zu Deiner letzten Frage.
Ich habe zuletzt ca. 4 Jahre bei München gewohnt, jetzt bin ich wieder zurück im Rheinland. Ich kann bestätigen, dass München wirklich teuer ist. Und der Wohnungsmarkt ist noch katastrophaler als in anderen deutschen Großstädten.
Mit dem genannten Gehalt sollte ein sparsamer Mensch selbst dort für einen begrenzten Zeitraum über die Runden kommen!
Zumindest nachdem die Wohnungsfrage geklärt ist. Das ist die größte Hürde.
Ich würde es direkt im pendelbaren Umland versuchen, nicht in der Innenstadt. Die üblichen Preise für jeden Stadtteil erkennt man schnell, nachdem man ein wenig durch Immoscout gesurft ist. Vielleicht auch hier kreativer sein als andere (wie bei der Arbeitssuche) … das geht natürlich einfacher, wenn man vor Ort suchen kann.
Ich würde es in jedem Fall versuchen.
Wohnungssuche kann definitiv sehr zermürbend sein, aber auch hier lernt man dazu und bekommt Routine.

Mein letzter Tipp:
Die Seite kununu … ich schaue immer noch mal nach, wie Arbeitgeber bewertet wurden.
Manchmal sieht ein Unternehmen danach nicht mehr so rosig aus,
einige wenige Unternehmen wirken dann auf einmal attraktiver.
:wink:

Alles Gute & auch ein wenig Glück!